Nordsee-Tester Leena: "Weltnaturerbe Wattenmeer"

Leena testet Wind und Watt!

Voller Vorfreude und zu allen Schandtaten bereit, fiebert Leena der „Wattenmeer“ Tester-Reise entgegen. Die Münchenerin arbeitet als Lektorin in einem großen Verlagshaus. Die Reise wird Leena mit einer Freundin antreten, ihren Rettungsanker im hektischen Büroalltag.

 

 

Leena erwartet von der Tester-Reise eine ordentliche Brise der salzigen Nordseeluft, viel Schlick zwischen den Zehen und leckere Krabbenbrötchen.

 

 

Kein Problem Leena, das bekommen wir hin, viel Spaß bei der Tester-Reise!

 

Name: Leena

Alter:  34 Jahre

Wohnort: München

Reisezeitraum: 20. bis 26. September 2010

Norden-Norddeich - 25./26. Sept.

Als wir am Samstagmorgen aufstehen, ist das Wasser im Yachthafen, den wir von unserem Hotelbalkon aus sehen, schon wieder weg. Norddeich bekommen wir nur trocken gefallen zu Gesicht.
Zum Trost gehen wir frühstücken. Das Hotel Fährhaus hat wirklich allerhand zu bieten: Von Pfannkuchen bis Obstsalat – hier kann man es sich gutgehen lassen!

 

Unser Gepäck dürfen wir unterstellen, bevor wir uns auf den Fußweg am Deich entlang zur Seehundstation Nationalparkhaus Norddeich machen. Dort ist schon mächtig was los: Vor allem Familien mit kleinen Kindern scharen sich vor den Fensterscheiben, die die Besucher vor den scheuen Tieren fernhalten.

 

In mehreren Becken tummeln sich Heuler unterschiedlichen Alters. „Heuler“ heißen ausschließlich die Seehundjungen, die von ihren Müttern getrennt wurden, sei es durch Krankheit oder den Tod der Mutter oder aber durch unüberlegtes Eingreifen von Menschen. Die meisten Heuler sind im Frühsommer geboren, doch hier gibt es auch noch ein paar jüngere. Zwei ausgewachsene Seehunde beherbergt die Seehundstation ebenfalls: Flossi und Wuh-Wuh. Der eine wurde handzahm aufgefunden, und der andere hat verkürzte Flipper. Beide wären in freier Wildbahn nicht überlebensfähig.

 

Mit dem Audioguide auf den Ohren machen wir einen Rundgang durch die Ausstellungsräume – eine hervorragende Ergänzung zu den Exponaten und Schautafeln, die eher für die kleineren Besucher gedacht sind.
Kurz vor 11.00 Uhr werden draußen in den sonnenbeschienenen Bassins die Seehunde nervös. Die größeren Heuler versammeln sich bereits am Beckenrand. Sie wissen genau, was jetzt kommt: Futter!


Ein Tierpfleger meldet sich über Mikrofon zu Wort und kommentiert das Geschehen, während seine Kollegin eimerweise Heringe verfüttert. Minutenlang balgen sich die Seehunde um den Fisch – und sogar eine Möwe mischt sich darunter! Fast gelingt es ihr, sich einen Hering zu schnappen, doch einer der Heuler verhindert in letzter Sekunde den dreisten Mundraub.


Nach der Fütterung der Raubtiere werden auch wir langsam hungrig. In Neuharlingersiel, so war uns gesagt worden, gebe es die besten Krabbenbrötchen Ostfrieslands, und natürlich haben wir dort eines probiert. Doch angesichts der zahlreichen Fischbuden in Norddeich rufen wir den „Großen Krabbenbrötchentest“ aus – und als hätten wir es geahnt: Die Norddeicher Krabbenbrötchen sind nicht nur günstiger, sondern auch noch besser! Okay, das letzte scheint zugegebenermaßen eher ein Remouladebrötchen mit Krabben zu sein, aber auch das toppt das Neuharlingersieler Referenzbrötchen.

 

Noch gut drei Stunden bleiben uns, bis der Zug zurück gen Süden fährt. Spontan beschließen wir, einen kurzen Abstecher nach Norden zu machen. An der Haltestelle des Urlauberbusses bekommen wir von einem älteren Ehepaar einen tollen Tipp - das Teemuseum! Und wirklich: Wir sind sehr angetan. Wir lernen, wie der Tee nach Ostfriesland kam (und dass der durchschnittliche Ostfriese über drei Kilo Tee im Jahr konsumiert, während es bei den übrigen Bundesbürgern nur ein paar hundert Gramm sind) und was hinter den verschiedenen Mustern auf den Teeservices steckt.
In einem Seitenflügel des Museums ist auch eine heimatkundliche Abteilung untergebracht. Der alte Kolonialwarenladen im Obergeschoss gefällt uns besonders gut!

Wir treten wieder hinaus in die Sonne. Wie für uns bestellt, findet hinter dem Museum gerade heute das Erntefest statt. Hier werden nicht nur Produkte aus der Region zum Kauf angeboten; es gibt auch eine kleine Ausstellung mit historischen Treckern und einer Dreschmaschine.

 

Zurück auf dem Mittelmarkt packen die Händler des Wochenmarktes ihre Waren zusammen. Auch für uns wird es Zeit zu gehen. Mit dem Bus fahren wir zurück nach Norddeich, schnappen unser Gepäck und schlendern zum Bahngleis gleich hinter dem Hotel. Für einen kurzen Moment hoffen wir, dass heute auf diesem kleinen Bahnhof kein Zug mehr fährt und dass wir bleiben müssen – doch dann rumpelt es von der Mole her, und der IC gen Süden fährt ein.

Von Neuharlingersiel nach Spiekeroog mit dem Krabbenkutter - 24. Sept.

Alle, die mit uns auf Kutterfahrt fahren, müssen Männer mit Bärten sein ...
Der Kapitän des Krabbenkutters Gorch Fock hat keinen Bart. Der Kollege, der während der Überfahrt nach Spiekeroog das Schleppnetz auf halber Strecke auswirft, hat ebenfalls keinen Bart. Und Silke vom Naturschutzbund NABU ist weder Mann, noch ist sie Bartträgerin. Doch sie macht das alles wett! Sie versorgt uns während der Hinfahrt mit jeder Menge Informationen über die Tierwelt zu Lande, zu Wasser und in der Luft.

 

Sie weist uns auf vorüberfliegende Eiderenten hin – nur eine Vogelart unter vielen, die dieser Tage das Wattenmeer bevölkern. Die meisten werden in den nächsten Wochen gen Süden ziehen. Während der Zugzeit halten sich geschätzte sechs Millionen Vögel hier auf, sie futtern sich im Watt dick und rund, um die Reise in ihr Winterquartier zu überstehen.

 

Aus dem Wasser ziehen wir einige spektakuläre Wattenmeerbewohner: einen Knurrhahn beispielsweise, eine Aalmutter, einen Seeskorpion und sogar einen jungen Plattfisch!

 

Und dann treffen wir erneut auf Seehunde. Werdende Seehundmütter, erklärt Silke, könnten den Zeitpunkt der Geburt selbst bestimmen. Sie warten, bis die Ebbe auf ihrer Sandbank einsetzt, um ihre Jungen zur Welt zu bringen.
Als wir die Insel Spiekeroog erreichen, nieselt es. Den Wind- und Wetterfesten unter uns Passagieren bietet Silke eine anderthalbstündige Führung über die Insel an. Dort will sie uns auch die Pflanzenwelt Spiekeroogs näherbringen.

Als wir von Bord der Gorch Fock gehen, trifft Leena fast der Schlag: Am Kai stehen zwei alte Bekannte aus Unizeiten! Alexandra und Oliver wollten heute Mittag eigentlich eine Krabbenkutterfahrt machen ... Spontan schließen sie sich unserem Inselspaziergang an.

 

Der Rundgang führt uns von den Salzwiesen aus in den alten Dorfkern mit Seemannskirche und Friedhof. Spiekeroog führt den Titel des schönsten Inseldorfes zu Recht: So beschaulich, gepflegt, stimmungsvoll, hübsch und ganz ohne jegliche Bausünden war keines der anderen Inseldörfer, die wir bisher gesehen haben. (Okay, die katholische Kirche ist vielleicht Geschmacksache ...) Roter Backstein, weiße Fenster, grüne Türen, Hortensien und Rosen in den Vorgärten. Kein Wunder also, dass auch die Ansichtskarten von Spiekeroog die schönsten sind!


Sage und schreibe 18 Höhenmeter erklimmen wir bis zum Grat der Aussichtsdüne. Vor uns liegen dicht bewachsene Dünen, dahinter ein kleines Wäldchen und zur anderen Seite der Strand – und über uns scheint wieder die Sonne!
Am Strand lassen wir eine Flaschenpost zu Wasser. Mal schauen, ob sie irgendwann jemand findet, der sich bei uns zurückmeldet! Und mal sehen, ob der- oder diejenige unseren Reisetipp wahrnimmt!
Um 16.00 Uhr legt die Gorch Fock wieder ab und steuert ihren Heimathafen Neuharlingersiel an. Dort werden wir abgeholt und zu unserer letzten Station der Reise gefahren: nach Norddeich.

Vom Balkon unseres Zimmers im Hotel Fährhaus haben wir einen wunderbaren Blick über den Yachthafen und das Watt, in dem die untergehende Sonne glitzert. Am Horizont kann man sogar Norderney und Juist ausmachen!
Von unserem Spaziergang am Deich entlang kehren wir zurück, als es dunkel wird. Schließlich will der Wellness-Bereich des Hotels ausprobiert werden! Im siebten Stock in der großzügigen Sauna mit Meerblick (!) kommen wir uns vor wie die Wellness-Tester!

Rundflug - 23. Sept.

Der Wecker klingelt, und uns beiden ist ein bisschen mulmig. Heute steht der aufregendste (und beängstigendste) Ausflug der Woche auf dem Programm: ein Rundflug! Leena hat vor der Reise auf die Website des Flugplatzes Harle gespickt. Diese kleinen Maschinen ... au Backe! Wiebke trinkt sich mit einem Glas Sekt vom üppigen Frühstücksbüfett Mut an.

 

Wir fahren nach Harlesiel. Ein kleines Passagierflugzeug landet – und es steigen ganze sechs Leute aus. Mit Gepäck! Und sie gehen noch nicht mal wackelig. Scheint nicht so schlimm gewesen zu sein. Dann landet ein zweites, kleineres Flugzeug. Wiebke versucht, Leena zu beruhigen: „Wir nehmen die Größere!“ Doch dann kommt der in Schwarz gekleidete Mann mit Fliegerbrille, der das zweite, das kleinere Flugzeug soeben aufgetankt hat, geradewegs auf uns zu ... Leenas Hände sind schweißnass.

 

Thomas, der Pilot, nimmt uns ein klein bisschen von unserem Riesenbammel. „Heut is’ Omawetter“, erklärt er. Da könnte selbst die fliegen, wenn die denn einen Pilotenschein hätte. Er selbst fliege nicht nur seit 20 Jahren, sondern sei obendrein sogar Fluglehrer.
Thomas plaudert, scherzt, ist witzig und auskunftsfreudig ... und nimmt, als wir in der Luft sind, sogar die Hände vom Steuer. Und oh Wunder: Es ist gar nicht schlimm! Es ist sogar ziemlich lässig, ruckelt kein bisschen, es ist zwar etwas laut, aber traumhaft! Vor uns liegt Wangerooge – und jede Menge Wasser. Eine elegante Kurve nach links, und wir sehen auch Spiekeroog und Langeoog. Die Inseln sehen viel größer aus, als wir es vom Boden aus eingeschätzt hatten!

 

Die Strände, die Dünen, die Salzwiesen und das dahinterliegende Wattenmeer bei Ebbe. Es ist grandios!
Über dem Festland steigt noch immer Nebel auf, und die Windparks entlang der Küste scheinen aus dem Nichts zu wachsen. Ein Hauch von Avalon mit Windrädern!


Wir müssen an Franz Beckenbauer denken, der anlässlich der Fußball-WM 2006 im Helikopter quer über Deutschland von Spiel zu Spiel flog und der einmal vor laufenden Kameras sagte: Das sollte jeder mal machen! Deutschland von oben, das sei so herrlich!
Als könnte sich das irgendjemand leisten!

 

Aber so ein Rundflug übers Watt ... bei klarem Wetter, am besten bei Ebbe, sodass man die Strukturen im Wattenmeer erkennen kann: die Priele, die Wasserstände, die Verwirbelungen ... Wenn man sich mal etwas richtig Tolles, etwas Einzigartiges gönnen will, dann ist so ein Rundflug wirklich ein Highlight!

Und wir schwören hoch und heilig: Thomas’ butterweiche Landung war besser als jede, die wir zuvor jemals erlebt hatten!

 

Mit dem Urlauberbus fahren wir von Harlesiel zurück nach Neuharlingersiel. Wir schlendern um den idyllischen Hafen mit seinen bunten Krabbenkuttern – und entdecken nur einen Katzensprung entfernt von der Hafenpromenade das Buddelschiffmuseum! Am Eingang sitzt ein alter Seebär, der auf jede unserer Fragen eine trockene, aber jederzeit informative Antwort parat hat. Jetzt wissen wir, wie das Schiff in die Buddel kommt – und noch einiges mehr!
Nach einem kleinen Abstecher ins Hinterland zur Seriemer Mühle, einer aufwendig restaurierten historischen Sehenswürdigkeit, lassen wir den Tag in einem Café am Hafen ausklingen.


Baltrum - 22. Sept.

Es ist Umzugstag! Die herzliche und hilfsbereite Marketingleiterin der Tourismus GmbH Gemeinde Dornum, Marlene Heyken, packt Leena und Wiebke und jede Menge Klamotten in ihren Kleinbus und fährt nach Neßmersiel, wo die Fähre nach Baltrum ablegt.
Dort macht sie uns mit Hans Ortelt bekannt. Er soll uns später von der Insel holen, und zwar zu Fuß, wenn die letzte Fähre des Tages schon lange wieder in Neßmersiel sein wird. Sprich: Wir werden quer durchs Watt von Baltrum zurück ans Festland wandern!

 

Mit auf den bequemen Hinweg per Fähre gibt uns Herr Ortelt zwei Insidertipps: In Fahrtrichtung links (Backbord) bleiben (wir fahren unmittelbar an der Seehundbank vor Norderney vorbei – und hinter den Tieren sieht man sogar das halb versunkene Muschelbaggerwrack am Strand der Nachbarinsel) und die Teestube besuchen!

 

Auf Baltrum schauen wir erst mal im Gezeitenhaus vorbei und versorgen uns mit Infomaterial zum Gezeitenpfad, einer Rundtour um die halbe Insel, auf dem man quasi im Vorübergehen alles über Ebbe und Flut und die Entstehung von Dünen und vieles mehr erfährt. Der nächste Weg soll uns eigentlich ins Inselmuseum „Altes Zollhaus“ führen – doch ruckzuck sind wir zu weit gelaufen. Das muss auf Baltrum häufiger passieren: Einmal nicht aufgepasst, und man steht am anderen Ende der Insel! Aber das ist nur halb so schlimm, denn man braucht sich nur einmal umzusehen, und da steht schon die nächste Sehenswürdigkeit – in unserem Fall die winzige alte Inselkirche mit der Schiffsglocke eines gestrandeten holländischen Seglers daneben.

 

Wir finden das Alte Zollhaus dann doch. Das Museum ist für alle, die sich für die Baltrumer und ihre Geschichte interessieren, ein absolutes Muss! Es lohnt sich, dort zuallererst hineinzuschauen, schon allein wegen der Öffnungszeiten. Außerdem verhilft ein ausgezeichneter Audioguide dem Besucher zu interessanten Einsichten: So wird beispielsweise erklärt, dass es auf Baltrum keine Straßennamen gibt, sondern nur Hausnummern. Die Häuser sind chronologisch nummeriert. Je niedriger die Hausnummer, desto älter das Haus.

 

Ausgerüstet mit dieser Information und vielen spannenden Anekdoten aus der Inselgeschichte und gestärkt mit einer Kanne Ostfriesentee begeben wir uns auf einen gemütlichen Marsch über die Insel. Das Dorf lassen wir hinter uns und wandern durch das Große Dünental. Auch hier stehen Sanddorn, Holunder und Hagebutten satt, und immer wieder kreuzt ein Kaninchen unseren Weg.
Beim Dünenübergang betreten wir den Strand. Mit unserem brandneuen blau-grünen Drachen an der langen Leine geht es zurück zum Fährhafen.


Fast hätten wir unseren Wattführer nicht wiedererkannt! Irre, wie sehr eine Sonnenbrille einen Menschen verändert! Doch als sich noch andere Urlauber um ihn scharen, ist klar: Das ist unser Wattführer Hans. Und Hans klärt für alle sogleich die „Bereifungsfrage“: Wiebkes Gummistiefel sind disqualifiziert (da läuft oben Wasser rein), Leenas Treckingsandalen ebenfalls (die würden im Schlick stecken bleiben). Barfuß kommt nicht infrage, weil die scharfen Schalen der Austern die Füße verletzen und üble Infektionen verursachen könnten. Das Maß aller Dinge sind folglich: eng (und zwar RICHTIG eng!) sitzende Socken oder - für die Profis - Wattschuhe aus Neopren.

 

Uns erwartet eine zweieinhalbstündige Wanderung durchs Watt. Hans erklärt anschaulich und beantwortet alle Fragen, die der kleinen Gruppe so durch den Kopf schießen, zum Beispiel die nach seinem spektakulärsten Fund im Watt, oder ob man es schaffen kann, bei Ebbe einmal nach Baltrum und wieder zurück zu laufen. Wir finden Seesterne, (Einsiedler-)Krebse, Garnelen, unendlich viele Wattschnecken, Austern, verschiedene Wurmarten und und und – es wimmelt nur so im Watt!

 

Die ersten werden nervös, als wir uns einem Priel nähern. Das Wasser in den Prielen kann bis zu den Knöcheln, bis zu den Knien - oder aber bis zum Hals gehen. Wer weiß das vorher schon? Hans weiß es, und er findet den flachsten Übergang. (Die Wandergruppe vor uns kriegt nasse Kehrseiten, ich hab’s genau gesehen.)
Im Schlick kurz vor Erreichen des Festlands wird es noch mal anstrengend. Hans prophezeit uns allen Muskelkater, und das bis in die kleinen Zehen hinein!
Dem Himmel sei Dank, dass Marlene Heyken uns in Neßmersiel wieder abholt. Die Beine sind wirklich schwer geworden.

 

Wir werden bis vor die Tür unserer neuen Unterkunft in Neuharlingersiel chauffiert. (DANKE!) Beim hervorragenden Abendessen im Hotel-Mingers-eigenen Restaurant prickeln uns die Fußsohlen noch immer.
Trotzdem: Das hat sich gelohnt! Ein fantastisches Erlebnis für alle, die Spaß am Wandern haben und dafür nicht immer festen Boden unter den Füßen brauchen. Wer keine zweieinhalb Stunden gehen kann oder will oder mit Kindern unterwegs ist, muss auf eine Wattwanderung allerdings nicht verzichten. Es gibt auch kürzere Touren, wobei das Erlebnis, von einer Insel zurück zum Festland zu laufen, für uns einen ganz besonderen Reiz hatte.


Mehr Informationen über Baltrum lesen Sie im Kurzprofil der Insel.

MS Freia, Langeoog - 21. Sept.

Der Wettergott liebt uns! Nachdem die Saatkrähen uns mit lautem Gekreische geweckt haben, langt ein Blick durchs Fenster – es wird ein toller Tag!

 

Die MS Freia, ein kleiner weißer Kutter, der unseren Frühstückstischnachbarn zu wackelig erschien, soll uns nach Langeoog bringen.

 

Und von wegen wackelig! Eine ganze Schulklasse balanciert das kleine Schiff wunderbar aus. Überall kleine Racker, alles ist ganz prächtig – erst als das Schleppnetz ausgeworfen und kurz danach wieder eingeholt wird, legt sich das Schiff auf einmal doch ganz schön zur Seite ... Denn jeder will sehen, was da vom Meeresboden gezogen wurde. Leider kein Seeungeheuer! Dafür aber der „Daumenlutscherfisch“, eine echte Sensation. Okay, und Seesterne – aber die kennt ja jedes Kind.

 

Wir legen an, Langeoog zeigt sich von ihrer schönsten Seite. Vom Hafen aus gehen wir zu Fuß ins Dorf. Wiebke will ihre Gummistiefel für die morgige Wattwanderung einlatschen. Wir durchqueren das Dorf, kommen am malerischen Wahrzeichen der Insel, dem Wasserturm, vorbei und laufen zum Strand hinunter. So weit das Auge reicht: verwaiste Strandkörbe. Die Saison ist so gut wie vorüber, es herrscht eine wunderbare Ruhe, und trotzdem ist alles immer noch bunt und lebendig.
Über einen Dünenübergang erreichen wir den Höhenweg. Links und rechts Sanddorn im Überfluss und üppiger Holunder. Wir fragen uns, warum man auf dem Wochenmarkt eigentlich keinen Holunder kaufen kann.
Zurück ins Dorf nehmen wir Gerk sin Spoor, die Straße, an der der alte Dünenfriedhof mit Lale Andersens Grab – und ihr ehemaliges Wohnhaus liegen.
Jetzt ein Eis! (Es wird ein zweites geben, so gut war das erste. Außerdem fühlt es sich an wie Hochsommer, die Sonne scheint, kein Wölkchen am Himmel, wir hätten es nicht besser treffen können!)

 

Mit der bunten Inselbahn fahren wir zurück an den Hafen zur MS Freia. Auf der Überfahrt zurück nach Dornumersiel nähern wir uns Seehundbänken.
Die erste – leer!
Die zweite – joah, ein paar Möwen und ein Kormoran, der seine Flügel in den Wind hält.

 

Doch da! Die Schulklasse tobt – und es schlägt die Stunde des Kapitäns. Mit zwei Sätzen hat er die wilde Kinderschar gebändigt. Für fünf Minuten: paradiesische Stille. Selbst die Seehunde scheinen es zu goutieren. Die meisten nicken wohlwollend in unsere Richtung. Jemand hinter mir sagt: „Es sind 42!“ Einer sieht aus, als würde er anerkennend in die Hände klatschen. Das gilt dem Kapitän: Souverän, schelmisch, lässig.

 

Ohne selbst Ahnungslose wie mich total doof wirken zu lassen, erklärt er bei der Einfahrt in den Hafen auch noch beiläufig, warum die Möwen dort derart verrücktspielen. Die MS Freia wirbelt Wasser und Untergrund auf, und mit den Partikeln aus dem Boden kommt natürlich auch das Geschneck und Gewürm herauf, das der Möwen Abendessen darstellt.

 

Apropos Abendessen. Das letzte Eis liegt schon Stunden zurück! Eine rasante Runde Minigolf am Hafen von Dornumersiel (Leena gewinnt – allerdings mit sage und schreibe doppelt so vielen Schlägen wie der diesjährige Bahnrekordhalter!), und dann aber subito und pronto ab in die nächste Pizzeria!

Mehr über Langeoog lesen Sie im Kurzprofil der Insel.

Dorumersiel - 20. Sept.

Endlich da! Am Esenser Bahnhof holt mich Katja Benke von der Nordsee GmbH im Kombi ab. Woher wusste sie nur, dass ich jede Menge Gepäck dabeihaben würde?!
Gemeinsam fahren wir nach Bensersiel, wo uns nach einem ersten Kaffee im Strandkorb Frau Holzner vom dortigen Gästehaus einen Überblick über die Freizeitmöglichkeiten am Strand gibt.
Anschließend fahren wir nach Dornumersiel. Ich checke in mein Hotel „Buten Diek“ ein – und schon ist Marlene Heyken (Tourismus GmbH Gemeinde Dornum) zur Stelle, die nebenan im Reethaus am Deich arbeitet und uns in den Dornum-Kleinbus einlädt. NOCH scheint nur auf dem Werbeaufkleber die Sonne, aber das soll sich bald ändern!
Und auf geht’s zu einer kleinen Rundfahrt von Dornumersiel nach Dornum in den alten Ortskern. In der Nähe der St.-Bartholomäus-Kirche steigen wir aus. Es hat aufgehört zu regnen. Das geht doch mal gut los!

 

Die kleine Kirche auf der Warft hat es im wahrsten Sinne des Wortes in sich. Von außen ist sie ja schon schnuckelig – aber drin verbirgt sich eine fantastische (und renommierte!) Orgel, die Jahr für Jahr international bekannte Orgelmusiker anlockt. Ein bisschen mulmig wird einem schon, wenn man darunter steht – weil irgendwie alles ein bisschen windschief aussieht. Kein Balken scheint passgenau auf dem anderen zu sitzen. Wie erst werden sich die alten Häuptlinge (so hießen sie wirklich, die Chefs!) fühlen, die noch eine Etage tiefer unter dem Altarraum liegen? Nun ja, sie sind dort ja schon eine ganze Weile; und hoffentlich werden sie bald auch den Besuchern zugängig. Die Dornumer jedenfalls – und ich auch – drücken die Daumen: Schon bald soll in Brüssel entschieden werden, ob dieses einzigartige und toll erhaltene Grab aus alten Zeiten begeh- und bewunderbar für viele staunende Besucher wird.

 

Als wir das Kirchlein verlassen, lotst Marlene Heyken uns pfadfindermäßig durch die Gassen Dornums an der Synagoge und am Enno-Hektor-Hus vorbei zur ehemaligen Norderburg. „Das Schloss“, wie es heute heißt, ist inzwischen Sitz der kleinsten – und garantiert schönsten! – Realschule Deutschlands. Niemals wollte ich wieder zur Schule gehen; aber diese Umgebung ist schon sehr verlockend...

 

Weiter geht es zur zweiten Dornumer Burg (von ursprünglich drei; eine ist der Zeit und den Kriegen zum Opfer gefallen) – der Beningaburg, heute ein Hotel-Restaurant. Eine (fast) waschechte Teetied erwartet uns: Kluntje und Wulkje und ein riesiges Stück Obstkuchen obendrein. Ich sollte mehr Tee trinken und nicht immerzu Kaffee...

 

Es fängt wieder an zu nieseln. Macht nichts, denn ich bin müde, und ich warte auch immer noch auf meine Co-Testerin Wiebke, die heute Abend erst ankommen kann. Marlene Heyken gibt uns eine Doroness zum Schutze (nein, sie ist KEIN Ungeheuer aus Loch Dornum, sondern eine ganz entzückende See-Kuh) und einen Sanddorngeist mit auf die Reise, für den Fall, dass es morgen auf dem Schiff frischer denn frisch werden sollte ... Aber der Wettergott wird doch wohl ein Einsehen haben mit uns Süddeutschen – wo wir doch den langen Weg auf uns genommen haben?!

 

Sie wollen mehr erfahren zu Esens-Besersiel und Dornum? Dann lesen Sie unsere Kurzprofile:

Esens-Bensersiel

Dornumersiel/ Neßmersiel (Dornum)

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Das Wattenmeer gehört zum Weltnaturerbe.

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