Das Wattenmeer gehört zum Weltnaturerbe.
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Hermann Wietjes ist auf der Insel Baltrum Ranger im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer

Hermann Wietjes ist einer, der die Weite und die Stille sucht. Er setzt den Feldstecher an und lässt den Blick über das Wattenmeer schweifen: hoher Himmel, salzige Luft, riesige Vogelschwärme. Die Luft ist sauber und voll Verheißung, der Himmel ist in Blau getunkt. Die Sonne sengt. Darunter ein endlos erscheinendes Meer grüner Salzwiese, das mit lila Punkten durchwirkt ist. Allein der intensive Duft ist schon ein Erlebnis. Oder der raue Wind, der über den Pflanzenteppich bläst und ein luftiges Gefühl hinterlässt. Hier startet unsere Tour. Wir treffen Hermann Wietjes östlich des Boothafens auf Baltrum, der kleinsten der sieben Ostfriesischen Nordseeinseln, die dem niedersächsischen Festland knapp sieben Kilometer vorgelagert sind. Wo jetzt noch Schiffe fahren, laufen in wenigen Stunden Wanderer mit eigens ausgebildeten Führern durchs Watt, das mehr Leben birgt als der Urwald. Eine einzigartige Naturlandschaft. Hier regiert stille Freiheit eine Landschaft, die manchmal nur aus Horizonten zu bestehen scheint.

Das Wattenmeer in der Deutschen Bucht ist einmalig auf der Welt und außerdem eine der faszinierendsten Naturlandschaften Europas. In den Niederlanden, Deutschland und Dänemark ist das Naturparadies Wattenmeer geschützt. Seit 1986 gibt es den Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer – inzwischen 280 000 Hektar groß. Hier sollen Tiere und Pflanzen möglichst ungestört leben. Aber auch der Mensch lebt in diesemNationalpark, arbeitet oder erholt sich hier. Vor über 200 Jahren entwickelte sich eher zaghaft der Tourismus im Wattenmeer. Mittlerweile verbringen über zwei Millionen Menschen ihren Urlaub hier. Mehrmals pro Woche streift Hermann Wietjes durch sein Revier. Geduldig beantwortet er den Baltrum-Urlaubern Fragen zu Pflanzen und Tieren. Doch er ist mehr als nur ein Gästeführer. Hermann Wietjes ist Mitarbeiter der Nationalpark-Wacht.
„Im Volksmund werden wir nach dem Vorbild unserer amerikanischen Kollegen oft Ranger genannt“, erzählt der diplomierte Forstwirt. Der 43-Jährige ist ein Einheimischer und hat die kleine Insel, die gerade einmal fünf Kilometer lang und maximal 1,5 Kilometer breit ist, in seiner Obhut.
Das klingt nach Abenteuer, nach Herausforderung. Ein verwegen aussehender Typ, grimmig, unrasiert: „Rocky Mountains Harry“. Der ehemalige Büffeljäger war weltweit der erste Ranger und arbeitete vor über 120 Jahren im Yellowestone Nationalpark in den USA.
Es sei „die beste Idee, die Amerika je gehabt hat“. So lobte der Dichter und Pulitzer-Preisträger Wallace Stegner einst das Konzept der US-Nationalparks, das seit der Eröffnung des Yellowestone-Reservats vor über 130 Jahren auf der ganzen Welt Bewunderer und Nachahmer gefunden hat – auch in Deutschland.
Hermann Wietjes ist glatt rasiert und allein der grün-blaue Aufnäher an seinem frisch gebügelten Hemdsärmel und der Feldstecher um seinen Hals verleihen ihm Respekt. Zumindest bei Menschen. Möwen kreischen, Schwalben kreisen. Es gibt Käfer, die mit aufgerichtetem Hinterleib über das Wasser segeln. Spinnen, die noch unter Wasser ihre Fäden spinnen und sich daran entlang hangeln. Oder die Larven der Aster-Wurzellaus, die so mit einer Wachsschicht überzogen sind, dass sie gar nicht erst nass werden können. Die Salzwiese auf der Wattseite der Insel, in der wir gerade stehen, ist Lebensraum für zahlreiche Pflanzen, 110 Vogel- und fast 2000 Insektenarten. Sie ist Übergang vom Meer zum Land und wird täglich vom Meer überspült. So nah kommt man der Natur nur, wenn man mittendrin steht.