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Soweit die Hufe tragen

Alles Glück dieser Erde liegt auf dem Rücken der Pferde

Was bringt die Menschen von heute aufs Pferd? Das habe ich mich schon häufig gefragt. Einige Motive sind offensichtlich. Etwa die sportliche Seite, die Lust an der Bewegung, verbunden mit der Herausforderung, „ein anderes Leben zu wagen“. Oder der gesellschaftliche Aspekt, bei dem das Gemeinschaftsgefühl ebenso eine Rolle spielt, wie Mode und Prestige es tun. Oder das Naturerlebnis in einer zunehmend technisierten Welt. Oder unmittelbar erfahrene Werte wie Freiheit, Leistung und Lebensbejahung.

Kurzum: Alles Glück dieser Erde liegt auf dem Rücken der Pferde ... Das Körnchen Wahrheit in dieser Reiterweisheit findet an diesem Vormittag Bestätigung – bei einem Ausflug zu Pferde. Hufe donnern über die schmalen Wege, die sich durch weite Felder und dann durch den kleinen Wald schlängeln. In das prachtvolle Grün der Dünen. Das Gras wogt, die Mähnen fliegen. Ein kraftvolles, rhythmisches Trippeln, der Viertakt des Nordens, setzt über den dumpfen Sandstrand, pflatschen durch den von der Ebbe entblößten Flutsaum und schon geht es hinein in die Fluten – mit Ross und Reiter. Richtung Abenteuer! Einfach immer nur geradeaus. In wilder Hatz fegen die Pferde durchs Wasser. Die Mähnen flattern, die Nüstern blähen sich, und die Hufe spritzen das Salzwasser auf. Es rauscht und spritzt. Es ginge sicherlich noch schneller, aber dafür ist mein Mut noch nicht groß genug.

Hier an den weiten Stränden der Nordsee ist es am einsamsten. Begleitet vom Rauschen der See, die in der Sonne glitzert. Sonst ist kaum ein Laut zu vernehmen, nur manchmal der Schrei einer zeternden Möwe oder das Schnauben der Pferde. Ein Himmel ohne Wolken leuchtet tiefblau über dem Meer, und aus Osten weht eine frische Brise, zeichnet Muster in den feinen weißen Sand und bläst den Pferden ihre langen Mähnen aus den Augen. Sogar um ihre Nüstern und Maul legt sich ein Lächeln.

Wer hier an der Nordsee reiten will, muss mindestens einen Vor- oder Nachmittag Zeit mitbringen, denn die Arbeit mit den Pferden gehört zum Programm – eine Maßnahme, die dazu dient, eine Beziehung zwischen Pferd und Reiter herzustellen, eventuell auch Ängste abzubauen. Jeder, der am Ausritt teilnimmt, holt sich „sein“ Pferd von der Weide und führt es zum Satteln.

„Na komm doch mal her“, sage ich forsch und wedele mit dem Halfter. Mein Auserwählter bewegt neugierig die Ohren und betrachtet mich aufmerksam. Ich locke mit einer Möhre. Interessiert kommt das Pferd herangetänzelt und nimmt sie behutsam zwischen seine weichen Lippen. Ich fange an, mich kindisch zu benehmen. „Mein Süßer“, flüstere ich und drücke das Gesicht an seinen Hals, „mein kleiner Liebling.“ Das Pferd reibt den großen Kopf an meiner Schulter und bläst mir seinen warmen Atem in den Nacken. Das Tier hat mich im Sturm erobert.

Das Schritttempo schärft den Blick

Es ist ein braunes Pferd und hört auf den beunruhigenden Namen „Wirbelwind“. Seine Mähne weht so wild wie die Brandungsgischt der Nordsee, und seine Augen schimmern dunkler als der Himmel über dem Meer. Wir zäumen die Pferde auf. Dann reiten wir der frischen Kühle des Morgens entgegen. Knapp zwei Stunden dauert der kürzeste Ausritt in die Wiesen und Felder, durch die Dünen, über Wattwiesen und am Strand entlang – eine Strecke, die auch Anfänger schaffen.

Nach zwei, drei Tagen hat auch der ungeschickteste Anfänger das Traben gelernt. Sanft federe ich die Pferdestöße ab und halte den Blick nicht mehr ängstlich nur auf den Kopf meines Pferdes, sondern unterhalte mich locker mit meiner Nebenfrau. Der Blick verliert sich, die Gedanken zerfließen. Erst durch die Tiere scheint die Landschaft zu sich selbst zu kommen. Verständlich, dass wir uns noch mehr Zeit lassen als sonst und den Ausritt genießen. Wir reiten durch ein einzigartiges Aquarell. Es ist ein besonderes Erlebnis, das grüne Land am Meeresrand aus dem Sattel zu kennen und zu lernen.

Wer den Landstrich mit dem Auto durchrast, an dem zieht die Landschaft nur so im Eiltempo vorüber. Doch erst das Schritttempo schärft den Blick für die alltäglichen Szenen am Wegesrand. Munter trotten die Pferde übers Land, sie wissen: es geht nach Hause. Zurück am Stall erhalten die Pferde ihre Belohnung in Form einer Portion Hafer. Während sie ihre weichen Mäuler tief in die Futtereimer stecken, schleppen wir Reiter Sättel und Zaumzeug in den Stall und beginnen mit dem Striegeln.

Die Pferde lassen sich dadurch nicht beim Genuss stören. Wer unter den Erwachsenen noch Sinn für Romantik bewahrt hat, kann an einem Abendritt mit einer ausgedehnten Reitpause am Strand bei Wein und Käsehäppchen teilnehmen. Morgen werden wir wieder ans Meer traben, am Strand galoppieren oder querfeldein auf dem Sattel durch das Land reiten, deren Reichtümer wir gerade erst zu entdecken beginnen: die fantastische Weite. Ein toller Urlaub!

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