Das Wattenmeer gehört zum Weltnaturerbe.

Manchmal sagt ein Wort mehr als tausend Bilder. Eine Himmellandschaft sei die niedersächsische Nordseeküste, hatte ich vor meinem wohlverdienten Urlaub beim flüchtigen Blättern in einem Reiseführer mit angeblichem Insiderwissen gelesen.

Das Firmament ein Teil der Landschaft. Faszinierend irgendwie. Ich weiß nicht warum, aber das hatte sich mir nachhaltig ins Gedächtnis gebrannt. Eine Himmellandschaft. Mehr nicht. Nur dieses eine Wort ging mir nicht mehr aus dem Kopf und daran musste ich ich während unseres Aufenthalts an der Nordsee oft denken. Wunderbar.
Wir, meine Familie und ich, hatten schon viel von dieser meerbewegten Urlaubslandschaft von so überraschender Vielfalt erkundet. Hatten bei einer geführten Wattwanderung diese einzigartige Lebenswelt im Rhythmus der Gezeiten entdeckt. Waren bei einem Schiffsausflug den knuffigen Seehunden so dicht wie möglich auf den Pelz gerückt, ohne sie dabei jedoch zu stören. Ließen erholsame Stunden am weißen Strand einfach sorglos verstreichen. Tauchten in erlebnisreichen Museen tief in die Geschichte des Landes ein – in einem sogar hundert Meter unter den Meeresspiegel. Und wir erlebten den besonderen Charme der ostfriesischen Inselwelt. Immer wieder schweifte dabei mein Blick ab. Zu dieser grandiosen Himmellandschaft mit ihrem vielfältigen Wolkenspiel. Der Gedanke daran, einmal da oben frei wie ein Vogel zu kreisen, erfüllte mich mit verzehrender Sehnsucht. So sehr, dass ich dieses Verlangen nicht mehr länger vor meiner Frau verbergen konnte.
Sie war es schließlich, die meinen heimlichen Wunsch erfüllte. Und jetzt kreise ich tatsächlich an diesem weiten Firmament und erkunde das Land auf seine aufregendste Art: per Flugzeug. Der erfahrene Pilot mit seinen knapp 60000 Starts und Landungen weckt heftigen Neid in mir. Weil er das flache Land von hier oben kennt und bei seinem täglichen Anblick immer noch ins Schwärmen gerät. Ein Leben im Sichtflug: beim linienmäßigen Flugverkehr zu einer der sieben Ostfriesischen Inseln oder bei einem Rundflug, so wie meinem.
Auf dem luftigen Viereckskurs Küste–Inseln–Küste genieße die Leichtigkeit des Seins. Über uns ziehen behände weiße Wattewölkchen hinweg und unter uns erstreckt sich das rauschende Meer. Wellenkämme schäumen weiß im Wind. Ein Fischkutter verliert sich als bunter Farbtupfer in dieser dunkelblauen Unendlichkeit, gefolgt von einem dichten Schwarm gefräßiger Möwen. Wir überfliegen die Inseln, das Herzstück dieser Region, die von hier oben aber eher wie Inselchen wirken. Irgendwie weltentrückt. Ihre grünen Dünenketten erheben sich wie Mittelgebirge hinter den weißen Stränden, die golden glänzen. Ihre östlichen Landspitzen träumen menschenleer vor sich hin. Hier möchte man landen und stundenlang spazieren gehen. „Da unten, Seehunde!“ ruft unser Pilot. Ich nicke zustimmend. Noch eine weite Schleife und dann fliegt er zurück. Leider.
Über das bizarre Wattenmeer, in das bei Ebbe die See tiefe Furchen zieht, um sie bei Flut wieder zu bedecken. Über die grüne Küste, die mit ihren bunten Feldern wirkt, als sei sie in den Tuschkasten gefallen. Über verträumte Häfen, die wie Modell-Landschaften daliegen. Ein letzter Bogen, dann setzt der Pilot bereits wieder zur Landung an. Wie im Fluge ist die halbe Stunde in luftiger Höhe vergangen. Schade. Aber ich habe seitdem ein neues Laster: das „Luft“-wandeln.



Wir überfliegen die Ostfriesischen Inseln. An ihren verträumten Stränden möchte man landen und spazieren gehen.
Steigen Sie ein, wir fliegen mit unserem erfahrenen Piloten im Viereckskurs über die Küste mit ihren vorgelagerten Inseln und entdecken in luftiger Höhe bizarre Landschaftsformen im gleißenden Gegenlicht der Sonne.
Text und Bilder © SKN Druck und Verlag GmbH & Co.; Nordsee Magazin